Offener Brief der Frauenliga an RTL und die Redaktion von “Ninja Warrior Germany”
Eupen, 23.10.2026
Betreff: Gender Pay Gap im neuen Speed-Parcours – Frauenliga fordert faire Preisgelder und gleiche sportliche Chancen
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Frauenliga setzt sich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Beseitigung geschlechtsbezogener Benachteiligungen ein. Wir machen auf Ungleichheiten aufmerksam, hinterfragen diskriminierende Strukturen und fordern faire Bedingungen für Frauen und Männer – in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch im Sport und in der Unterhaltungsbranche.
Mit diesem offenen Brief möchten wir unsere deutliche Kritik an der in der elften Staffel von „Ninja Warrior Germany“ neu eingeführten Regelung des Speed-Duell-Parcours zum Ausdruck bringen. Die erheblichen Unterschiede bei den Preisgeldern und den sportlichen Chancen von Frauen und Männern sind aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt.
Ostbelgien, die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, ist eine Region, in der viel deutsches Fernsehen geschaut wird. Dazu gehört auch „Ninja Warrior Germany“, dessen sportliche Herausforderungen und Wettbewerbe mit großem Interesse verfolgt werden.
In der Vergangenheit wurde immer wieder über die Regelungen für Frauen innerhalb des Formats diskutiert. Dabei wurden auch die unterschiedlichen physiologischen Voraussetzungen und die damit verbundenen Herausforderungen im Wettbewerb thematisiert. Wir begrüßen ausdrücklich, dass Ninja Warrior diese naturgegebenen körperliche Unterschiede berücksichtigt und diese Frauenregelung umsetzt.
Umso weniger nachvollziehbar ist für uns die neue Regelung des Speed-Parcours.
5.000 Euro für Männer plus Finalplatz – 1.000 Euro für Frauen
Am Ende jeder Vorrunde treten die vier besten Teilnehmenden in Speed-Duellen gegeneinander an. Der Gewinner des abschließenden Duells erhält 5.000 Euro und ein direktes Ticket für das große Finale. Der zweite Platz wird mit 2.500 Euro belohnt.
Befindet sich keine Frau unter den vier besten Teilnehmenden der Vorrunde, treten zusätzlich die beiden besten Frauen in einem separaten Speed-Duell mit identischem Parcours gegeneinander an. Die Siegerin dieses Duells erhält 1.000 Euro. Ein entsprechendes direktes Finalticket ist für dieses Frauenduell nicht vorgesehen.
Die Unterschiede sind eindeutig:
- Männer: 5.000 Euro Preisgeld und ein direkter Startplatz im großen Finale.
- Frauen: 1.000 Euro Preisgeld für die Siegerin des separaten Frauenduells und kein entsprechender direkter Finalplatz.
Die Frauenprämie beträgt damit lediglich ein Fünftel der Prämie, die im regulären Speed-Duell für Männer vergeben wird. Anders ausgedrückt: Zwischen den beiden Gewinnsummen liegt eine Differenz von 4.000 Euro.
Dabei geht es keineswegs allein um die Höhe des Preisgeldes. Ein direktes Ticket für das große Finale stellt einen erheblichen sportlichen Vorteil dar. Es ermöglicht den unmittelbaren Einzug in die entscheidende Wettbewerbsphase, während Frauen diese Möglichkeit im Rahmen des separaten Duells nicht in gleicher Weise erhalten.
Die Regelung führt somit zu einer doppelten Ungleichbehandlung: bei der finanziellen Anerkennung und bei den Qualifikationschancen.
Uns ist bewusst, dass die Frauen den Speed-Parcours einmal absolvieren müssen, während die Männer ihn zweimal durchlaufen. Er gehört zu einer sachlichen Betrachtung der Wettbewerbsbedingungen dazu. Er erklärt jedoch nicht automatisch, weshalb die Prämie für die Siegerin des Frauenduells nur 20 Prozent der Männerprämie beträgt und ihr zugleich kein entsprechendes direktes Finalticket eröffnet wird.
Chancengerechtigkeit bedeutet nicht, sämtliche körperlichen Unterschiede zu ignorieren. Sie bedeutet vielmehr, Wettbewerbe so zu gestalten, dass unterschiedliche Voraussetzungen sachgerecht berücksichtigt werden, ohne Frauen dadurch unangemessen schlechter zustellen.
Dass eine gleich hohe finanzielle Anerkennung innerhalb von „Ninja Warrior Germany“ möglich ist, zeigt das Preisgeld für den Titel „Last Man Standing“ und „Last Woman Standing“. Beide erhalten jeweils 25.000 Euro. Diese gleiche Gewinnsumme begrüßen wir ausdrücklich. Sie zeigt, dass weibliche und männliche Leistungen innerhalb desselben Formats finanziell gleich anerkannt werden können.
Umso widersprüchlicher erscheint es, dass bei einem anderen Bestandteil derselben Sendung derart unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden.
Wenn RTL bei den Titeln „Last Man Standing“ und „Last Woman Standing“ eine identische Prämie vorsieht, stellt sich umso dringlicher die Frage, weshalb im Speed-Parcours eine derart große finanzielle Differenz geschaffen wird. Eine konsequente Gleichstellung sollte nicht nur in einzelnen Teilen eines Wettbewerbs gelten, sondern sich auch in den übrigen Regeln und Vergütungsstrukturen widerspiegeln.
„Ninja Warrior Germany“ erreicht ein breites Publikum und vermittelt Vorstellungen davon, wie sportliche Leistungen bewertet, anerkannt und belohnt werden. Damit trägt das Format auch Verantwortung für die Botschaften, die es an Zuschauerinnen und Zuschauer, insbesondere an junge Menschen, vermittelt.
Wenn Frauen für einen Wettbewerbserfolg eine deutlich niedrigere Prämie erhalten und zugleich geringere Chancen auf einen direkten Finaleinzug haben, entsteht der Eindruck, dass ihre Leistungen weniger wert sind.
Die Frauenliga fordert RTL und die verantwortliche Redaktion von „Ninja Warrior Germany“ nachdrücklich auf, die beanstandete Regelung spätestens für die nächste Staffel anzupassen, sodass eine faire, nachvollziehbare und gleichstellungsorientierte Behandlung aller Teilnehmenden gewährleistet wird.
Gleiche Wertschätzung für sportliche Leistungen und faire Chancen auf den Finaleinzug dürfen keine Frage des Geschlechts sein.
Mit freundlichen Grüßen
Die Frauenliga
Für die Gleichstellung der Geschlechter, faire Chancen und die konsequente Beseitigung geschlechtsbezogener Benachteiligung.